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Führt Escitalopram zu Impotenz?

Escitalopram Impotenz LibidoverlustDepressionen gehören zu den klassischen Zivilisationskrankheiten, die in den letzten Jahren immer häufiger diagnostiziert werden. Da verwundert es kaum, dass zahlreiche verschiedene Antidepressiva auf dem Markt sind. Escitalopram ist dafür nur ein Beispiel unter vielen. Escitalopram ist ein relativ neuartiger selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Damit gehört Escitalopram jedoch zu einer Gruppe von Antidepressiva, die bei vielen Patienten zu erektiler Dysfunktion oder Impotenz führen können. In der Fachpresse wurde der folgende Fall veröffentlicht und von Experten diskutiert.

 

Die Vorgeschichte – Escitalopram 

Ein 43-jähriger Mann wurde von seiner Familie wegen starker Depressionen in eine Klinik gebracht. Hier erkannte man die typischen Symptome einer schweren Depression: Der Patient war antriebslos und ohne Energie, litt unter Appetitlosigkeit und Konzentrationsschwäche, hatte  starke Schuldgefühle und wurde von Schlaflosigkeit geplagt. Er hatte sich komplett von seinen Freunden zurückgezogen und seine Gedanken kreisten um Krankheit und Tod. Er hatte das Gefühl, dass sich die Depression vor drei Monaten relativ plötzlich entwickelt hatte.

Über eine sexuelle Funktionsstörung indes konnte er nicht berichten. Die Ergebnisse einer allgemeinen körperlichen Untersuchung und einer Laboruntersuchung, einschließlich eines Funktionstests der Schilddrüse, waren normal. Seine psychiatrische Vorgeschichte berichtete über keine früheren Depressionen.

Man verschrieb ihm täglich 10 mg Escitalopram und Alprazolam 1 mg. Nach 15 Tagen wurde die Gabe von Alprazolamgestoppt und am Ende der dritten Woche wurde die Dosis von Escitalopram auf 20 mg täglich erhöht. Im Verlauf der Behandlung berichtete er von einer partiellen erektilen Dysfunktion, die die vaginale Penetration beeinträchtigte. Ab der vierten Woche der Einnahme von Escitalopram galt dies sogar für jeden Sex-Versuch (2-3 Mal pro Woche).

Zwar ging diese Dysfunktion in der siebten Woche der Behandlung schrittweise zurück. Allerdings beklagte er sich über das Phänomen einer vorzeitigen Ejakulation vor dem vaginalen Eindringen. Selbiges hatte er zuvor nicht gekannt – und auch nicht dfas nun auftretende brennende Gefühl am Ende des Wasserlassens. Neu war für ihn auch, dass er manchmal beim Wasserlassen eine Erektion bekam, was in diesem Moment freilich mehr als unangenehm ist.

Die Behandlung mit Escitalopram wurde daher abgebrochen und ihm wurden täglich 100 mg Fluvoxamin verschrieben. Nach 15 Tagen wurde diese Dosis auf 200 mg täglich erhöht. Seine erektile Dysfunktion und die Symptome der spontanen Ejakulation verschwanden binnen 3 Wochen. Es wurden keine zusätzlichen medizinischen oder psychotherapeutischen Maßnahmen zur Behandlung dieser sexuellen Probleme angewendet. Am Ende der vierten Woche der Fluvoxamin-Behandlung war er immer noch positiv gestimmt und hatte keinerlei Beschwerden vorzutragen. Stattdessen berichtete er über eine deutliche Libidosteigerung.

 

So diskutierte die Fachwelt

Erektile Dysfunktion und spontane Ejakulation während des Wasserlassens durch die Einnahme von Escitalopram wurden bisher nicht berichtet. Sexuelle Dysfunktion indes ist eine häufige und störende Nebenwirkung, die mit SSRIs und anderen Arten von Antidepressiva einhergeht. Ihr Auftreten macht häufig einen Medikamentenwechsel oder das Absetzen beziehungsweise die Dosisreduzierung notwendig. Bei etwa 50 Prozent der Patienten beider Geschlechter tritt während der Einnahme von SSRIs eine gewisse sexuelle Funktionsstörung auf.

Bei depressiven männlichen Patienten ist die Wahrscheinlichkeit einer erektilen Dysfunktion fast doppelt so hoch wie bei nicht depressiven Männern. Der hier beschriebene Patient litt jedoch unter Depressionen ohne sexuelle Funktionsstörung. Darüber hinaus können Patienten, die mit einer SSRI behandelt werden, eine sexuelle Funktionsstörung als unerwünschte Nebenwirkung der Therapie entwickeln. Es wird berichtet, dass Paroxetin, Sertralin und Citalopram zu einer verzögerten Ejakulation führen. Eine doppelblinde, randomisierte Vergleichsstudie mit 60 Patienten mit vorzeitiger Ejakulation zeigte, dass Placebo und Fluvoxamin nach sechs Behandlungswochen keinen Einfluss auf die Ejakulationszeit hatten, während Paroxetin, Fluoxetin und Sertralin die Latenz der Ejakulation signifikant erhöhten; Der größte Effekt wurde bei Paroxetin beobachtet.

Es wird berichtet, dass die SSRIs sexuelle Funktionsstörungen in der folgenden absteigenden Reihenfolge verursachen: Paroxetin, Fluoxetin, Citalopram, Sertralin und Fluvoxamin. Dies wird zum Teil in einem direkten Doppelblind-Vergleich zwischen Fluvoxamin und Sertralin bestätigt, bei dem die Häufigkeit von abnormaler Ejakulation und verminderter Libido bei der Einnahme von Sertralin signifikant höher war als bei Fluvoxamin. Laut aktuellen Zahlen zum Umgang mit den Nebenwirkungen von SSRIs ziehen 36% der Psychiater den Umstieg auf andere Antidepressiva vor, um sexuelle Funktionsstörungen im Zusammenhang mit SSRIs zu behandeln. Im hier beschriebenen Fall wurde es jedoch vorgezogen, auf Fluvoxamin, einen anderen SSRI, umzusteigen.

Einflüsse des Serotonins auf die Sexualfunktion werden bisher kaum verstanden. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer werden nicht nur mit einer Beeinträchtigung der Sexualfunktion, sondern auch mit der Wiederherstellung der sexuellen Potenz in Verbindung gebracht. Die Auswirkungen entsprechender Medikamente auf die Sexualfunktion können sich auf die Medikamentendosis, die betroffenen Serotoninrezeptor-Subtypen und die relative Wirkung auf serotonerge Rezeptoren im Vergleich zu anderen Rezeptoren beziehen. Fluvoxamin scheint eine sexuelle Funktionsstörung mit geringerer Wahrscheinlichkeit zu verursachen als viele andere SSRIs.

Noradrenalin ist der wichtigste Neurotransmitter, der an den Kontraktionen der Penismuskulatur beteiligt ist. Über bestimmte Mechanismen vermindert es den Blutfluss und hemmt so die Erektion. Die Ejakulation wird zentral durch den vorderen Hypothalamus und die mittleren Vorderhirnbündel reguliert. Es wird durch die dopamingesteuerteÜbertragung erleichtert und durch 5HT1A-Antagonisten und 5HT2-Agonisten gehemmt. Escitalopram kann sich in diesen Bereichen auf seratonerge Rezeptorsubtypen auswirken. Dopaminerge Übertragung kann auch eine wichtige Rolle bei der spontanen Ejakulation spielen.

 

Es sind klinische Studien erforderlich, um die Häufigkeit sexueller Nebenwirkungen, die durch Escitalopram verursacht werden, bewerten und einschätzen zu können. Sexuelle Nebenwirkungen sollten jedoch bereits vor der Verschreibung einer Escitalopram-Behandlung bei Depressionen in Betracht gezogen werden, da eine sexuelle Dysfunktion dazu führen kann, dass ein Patient seine Medikamente nicht gemäß der Verordnung einnimmt, sondern eigenmächtig reduziert oder gar absetzt. Zudem bedeutet ein Libidoverlust zusätzlichen Stress für den Patienten – und den gilt es bekanntlich zu vermeiden.

 

Referenzartikel: http://caribbean.scielo.org/scielo.php?pid=S0043-31442010000600021&script=sci_arttext&tlng=en

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